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Der Krieg könnte Net Zero dort treffen, wo es weh tut

Die Ölpreise steigen, die geopolitischen Gewichte verschieben sich. Haben die in Paris und im Rahmen von COP26 gemachten Versprechen noch eine Bedeutung?

Leslie Norton 03.03.2022
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Rising temperatures

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine wird vermutlich die Emissionssenkungen verzögern, die notwendig sind, um die schlimmsten Auswirkungen der Erderwärmung zu verhindern. Zu diesem Ergebnis kommt ein neuer Bericht des Weltklimarats der Vereinten Nationen. Weiter heißt es dort, die Welt werde wahrscheinlich innerhalb von 20 Jahren eine Erwärmung von 1,5 Grad Celsius erreichen; das zeige, dass die Risiken der globalen Erwärmung größer sind als bisher angenommen.

Die Invasion in der Ukraine hat den Ölpreis in die Höhe getrieben. Das könnte fossile Brennstoffe für Investoren attraktiver machen und die Entwicklung in Richtung Netto-Null verzögern.

"Aus Anlegersicht werden Energie und Energiesicherheit in den nächsten sechs bis 24 Monaten ein großes Thema sein", sagt Michael Jantzi, Gründer von Sustainalytics und Managing Director der ESG-Strategie bei Morningstar. "Der Fokus [auf Net Zero] wird schwinden, die Verpflichtungen werden abflauen. Angenommen, wir verlieren 12 bis 24 Monate lang unsere Entschlossenheit und ergreifen keine Maßnahmen, dann sind die kurzfristigen Ziele in Gefahr."

Die Invasion und ihre Folgen für die Finanzmärkte könnten dazu führen, dass das Interesse an nachhaltigen Investments nachlässt, die Unternehmen dazu veranlasst haben, ihre Emissionen zu verringern, um Umwelt- und Systemrisiken wirkungsvoll zu begegnen. Zuflüsse in Umwelt-, Sozial- und Governance-Fonds verlangsamen sich bereits, teilweise wegen zunehmender Bedenken über Greenwashing.

ESG-Anlegern bereitet die Aussicht auf eine nachlassende Wertentwicklung Sorgen. Viele von ihnen haben entsprechende Fonds in den letzten Jahren im Zuge des Trends hin zu nachhaltigen Investments gekauft. Der sprunghafte Anstieg der Energiepreise hat die Inflation bereits angeheizt und stellt nachhaltige Fonds vor eine Herausforderung. Denn sie investieren in der Regel in Wachstumswerte, die teurer sind und längere Zeit benötigen, um zu reifen. In einem solchen Umfeld könnten die Unternehmensgewinne unter Druck geraten. Dann könnten die Unternehmen auch ihre ESG-Ausgaben (Pläne zur Emissionsreduzierung oder Initiativen zur Förderung der Vielfalt) unter die Lupe nehmen, wenn sie sich ohnehin mit steigenden Kosten beschäftigen.

"Dies ist der schlechteste Markt für ESG-Anleger", sagt Amy Domini, Gründerin von Domini Impact Investments. Als die USA 2001 in Afghanistan und 2003 im Irak einmarschierten, schnitten nachhaltige Fonds schlechter ab als der Markt, so Domini, denn "die einzigen Aktien, die zuverlässig stiegen, waren fossile Brennstoffe und Rüstungsunternehmen. Wenn man die Rallye verpasst und den Rest nicht mitbekommt, wird es für die Portfolios schwierig".

Geopolitische Themen erscheinen nur selten auf dem Radar verantwortungsbewusster Anleger. Der Krieg in der Ukraine ist die erste große Gelegenheit für sie, ihre Haltung zu diesen Themen zu artikulieren.

Es wird unweigerlich zu einer Flüchtlingskrise kommen, die Bedenken über Menschenrechtsverletzungen aufwirft. Und dann sind da noch die Probleme wegen des Besitzes russischer Wertpapiere. Schon jetzt bauen europäische Pensionsfonds ihr Engagement in Russland ab. Das wirft logischerweise die Frage auf, ob Anleger in China investiert bleiben sollten, das Russlands Anspruch auf die Ukraine unterstützt und selbst Taiwan beansprucht.

Ein Sektor, der sich gut hält, sind erneuerbare Energien. "Erneuerbare Energien schneiden gut ab, wenn die Energiemärkte wegen der Ungewissheit über andere Energiequellen volatil sind", sagt Joe Keefe, CEO von Pax World Funds, einer Palette von Fonds ohne fossile Brennstoffe.

Esplanade Capital investiert ebenfalls in großem Umfang in erneuerbare Energien, aber Präsident und Chief Investment Officer Shawn Kravetz vertritt eine andere Auffassung. "Ich glaube nicht, dass [die Invasion] Net Zero zurückwerfen wird. Die Klimakrise wird nicht verschwinden. Wenn überhaupt, dann unterstreicht dies die Klimakrise mit den in die Höhe schießenden Erdgaspreisen. Wir werden mehr schmutzige Brennstoffe sehen, die für den grundlegenden Energiebedarf verwendet werden.

Für ESG-Investoren könnte es an der Zeit sein, Value-Fonds beizumischen. Davon gibt es weniger als von Wachstumsfonds, aber sie können dazu beitragen, die Volatilität langfristig zu reduzieren, sagt Jon Hale, Director of Sustainability Research for the Americas bei Morningstar.

Insgesamt wird die Invasion von nachhaltigen Investoren verlangen, dass sie mehr denn je Druck auf die Unternehmen ausüben, damit diese ihre Netto-Null-Verpflichtungen einhalten. "Wir dürfen nicht zulassen, dass das, was Russland tut, uns von den wichtigen Dingen abhält", sagt Jantzi.

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Über den Autor

Leslie Norton  ist bei Morningstar Editorial Director für Nachhaltigkeit