5 Grafiken zur aktuellen Marktlage

Anleger müssen zurzeit durch eine ganze Palette von Unsicherheiten navigieren. Unser Blick auf die europäischen Märkte führt uns Mitte Juli zunächst auf die andere Seite des Atlantiks und dann ins beschauliche Mecklenburg-Vorpommersche Lubmin. 

Antje Schiffler 18.07.2022
Facebook Twitter LinkedIn

Gas

Der Druck auf die US-Notenbank wächst, die Geldpolitik zu straffen. Einem überraschend guten US-Arbeitsmarktbericht folgten nun Zahlen zur Inflation, die es in sich hatten. Mit einem Anstieg von 9,1% lag die Teuerungsrate in den USA im Juni bei einem 41-Jahreshoch.

Zwar könnte der Juni das Hoch markiert haben, erwartet Preston Caldwell, Chefökonom von Morningstar in den USA. „Der Anstieg der Inflation wurde stark von den Lebensmittel- und Energiepreisen angetrieben, aber die Indikatoren für Lebensmittel- und Energiepreise sind im Juli eingebrochen, was im nächsten Verbraucherpreisindex-Bericht erscheinen wird“, bemerkt er. Doch an der Erwartung des Marktes, dass stringente Zinsschritte folgen könnten, ändert das wenig.

 

Die Federal Reserve hatte ihre Leitzinsen bereits Mitte Juni um 0,75 Prozentpunkte angehoben. Was die kommende Sitzung Ende Juli konkret ergeben wird, bleibt natürlich abzuwarten. Aber selbst von Seiten der Fed werden inzwischen drastische Maßnahmen nicht ausgeschlossen. „Alles ist im Spiel“, ließ sich Raphael Bostic, Fed-Chef von Atlanta, jüngst zitieren. Noch erscheine ein erneutes Plus von 0,75 Prozentpunkten auf dann 2,25% das wahrscheinlichste Szenario, erläutert Caldwell.

Das erwartete straffe Vorgehen der US-Notenbank - im Vergleich zur EZB - und Sorgen, dass Europa in eine Rezession rutscht, drückten den Euro auf ein 20-Jahrestief und damit in die Parität zum US-Dollar.

 

 

 

Dabei steigen, befeuert durch den Krieg in der Ukraine und die daraus resultierende Explosion der Energie- und Nahrungsmittelpreise, auch in Europa die Preise rasant. Für die Eurozone liegt die Schätzung der Inflation für den Juni bei 8,6%, verglichen mit 8,1% im Mai. Die EZB hat auf die Teuerung bisher langsamerer als ihre Pendants in den USA und Europa reagiert. 

 

 

Ein erster Zinsschritt ist für den 21. Juli in Höhe von 25 Basispunkten vorgesehen. Bis September sollen Negativzinsen dann Geschichte sein, heißt es aus Frankfurt. Zudem sind die Netto-Anleihekäufe im Juni ausgelaufen. Wie es weiter geht, wird sich Ende Juli zeigen: Auch auf dem alten Kontinent richten sich die Blicke mit Spannung auf die kommende Sitzung der Notenbanker. Der Konsensus für den nächsten Zinsschritt scheint bei 25 Basispunkten zu liegen. Der EZB, so die Marktstimmung, sind angesichts des wirtschaftlichen Abschwungs und auseinanderlaufender Spreads von Staatsanleihen der einzelnen Mitgliedsstaaten die Hände für restriktivere Schritte gebunden.

Doch nicht alle stimmen zu. Goldman Sachs etwa mahnte zuletzt, die Feuerkraft der EZB nicht zu unterschätzen. Nach Schätzungen der GS-Analysten könnte der EUR/USD zwar um weitere 5% fallen, wenn das Extremszenario eines vollkommenen Lieferstopps russischen Erdgases nach Europa eintritt. Dann aber, so die Erwartung von Goldman Sachs, werden die Notenbanker gegen diese Abwertung energisch reagieren.

 

Erdgas: Eine Pipeline im Spotlight

Und damit wäre das Stichwort Erdgas gefallen. Nichts heizt die öffentliche Debatte in Deutschland zurzeit mehr an als die Unsicherheit darüber, ob die russische Gazprom nach der zehntägigen planmäßigen Wartung der Nordstream 1 den Gashahn Richtung Lubmin nahe Greifswald wieder aufdreht – was dann, wie der Zufall so will, ebenfalls auf den 21. Juli fallen dürfte.

Es überwiegt, gelinde gesagt, Skepsis darüber, ob der Kreml dies jedoch will. Wenig vertrauenserweckend ist, dass auch andere Länder von einem Rückgang der russischen Gasmengen berichten. In früheren Jahren hatte Russlands Gazprom während der Nordstream-Wartungen über alternative Pipelines andere europäische Länder mit höheren Lieferungen versorgt.

Nicht so dieses Jahr. Österreichs OMV (OMV) erhält laut der Nachrichtenagentur Reuters seit dem Beginn der Nordstream-Wartung nur rund 30% der nominierten Mengen. Auch die italienische ENI hat einen Rückgang der Liefermengen um knapp ein Drittel zu verkraften – was Gazprom allerdings auch mit dem Wegfall der Nordstream-Mengen begründet, die sonst gen Süden weitergeleitet würden.

Ein Problem wurde aber inzwischen gelöst. Kanada hat genehmigt, dass Siemens Energy eine gewartete Gasturbine ans russische Ende der Nordstream-Pipeline weiterleiten und dort installieren kann. Eigentlich fiel dies unter kanadische Sanktionen gegen Russland, doch Ottawa genehmigte jüngst den Schritt als Ausnahme. Gazprom zufolge waren die fehlenden Teile Grund für die vorige Drosselung des Gasflusses in Nordstream 1.

 

 

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck befürchtet substanzielle Schäden für die deutsche Wirtschaft, sofern sich am 21. Juli nicht Zeichen der Wiederbelebung im Nordstream-Fluss zeigen. Die Lage ist unkalkulierbar, sagt auch der Präsident der Bundesnetzagentur Klaus Müller. Blieben die russischen Mengen dauerhaft aus, dürfte dies die deutsche Industrie in jedem Fall stark schwächen. BASF beispielsweise räumte in einer Email an Morningstar ein, den Betrieb mit reduzierter Last aufrechterhalten zu können, sofern die Gasmengen nicht unter 50% des Maximalbedarfs fallen.

Die Schätzungen über die Auswirkung auf die deutsche, aber auch europäische, Wirtschaftsleistung schwanken erheblich. Volkswirte der Deka etwa schätzen, dass bei dem Fall des kompletten Lieferstopps das deutsche BIP im Jahr 2023 um 4,2% schrumpfen würde. Dies liegt in der gleichen Größenordnung wie im Corona-Lockdown-Jahr 2020.

Die Deutsche Bank ist sogar noch pessimistischer. Sie geht im Falle von Gasrationierungen von einem BIP-Einbruch zwischen 5-6% aus. Aber auch für den Fall, dass der Gasschock nicht ganz so hoch ausfällt, ist im zweiten Halbjahr eine Rezession wahrscheinlich. Nach einer Expansion von 1 ¼% im Jahr 2022 wird das deutsche BIP im Jahr 2023 dann wohl um etwa 1% schrumpfen, vor allem, weil die Verbraucher den Realeinkommensverlust nicht durch weiteres Entsparen ausgleichen können, heißt es.

Auch die EU Kommission hat ihre Erwartungen in ihrer Sommerprognose an die Verschärfung der Energiekrise angepasst. Die Behörde erwartet für dieses Jahr für die EU27 nur noch ein BIP-Wachstsum von 2,6%, gegenüber 2,7% aus der Frühjahrsprognose. 2023 werde ein mageres Plus von 1,4%, statt der im Mai erhofften 2,3% anstehen. Auch die Erwartung an die Inflationsrate passte Brüssel an, und zwar auf 7,6% von zuvor 6,1%.

Zudem legte auch die Kommission nun einen Notfallplan in Sachen Energieknappheit vor. Dem zufolge könnten auf Verbraucher und Industrie erhebliche Energiesparmaßnahmen zukommen. Die dpa berichtet, dass laut einem Entwurf öffentliche Gebäude, Büros und kommerzielle Gebäude ab Herbst bis maximal 19 Grad beheizt werden sollen. „Es gebe mittlerweile ein ‚erhebliches Risiko‘, dass Russland in diesem Jahr Gaslieferungen nach Europa stoppt“, heißt es in dem Brüsseler Entwurf.

 

Bearishe Märkte

Die Aktienmärkte haben seit Jahresbeginn angesichts der Gemengelage deutlich nachgegeben. Europa steht dabei schlechter da als die USA, wie die nachfolgende Grafik zeigt. Während der US-Markt – in Euro gemessen – seit Jahresbeginn um rund 11 Prozentpunkte gefallen ist, knickte der europäische Markt fast 19 Prozentpunkte ein.

 

„Eine ausgeprägte Rezession, die vielleicht von Europa ausgeht und durch Erdgasembargos verursacht wird, würde weitere Abwärtsbewegungen mit sich bringen – insbesondere bei Aktien. Eine Depression oder ein Zusammenbruch der Kreditmärkte wie 2008 stellt aber nicht unser Basisszenario dar“, bemerkt M&G.

Für Sie als Anleger gilt wie immer: Bewahren Sie eine ruhige Hand und behalten Sie Ihre langfristigen Anlageziele im Auge. Aktienmärkte reagieren nicht gut auf Rezessionen, aber historisch betrachtet, haben sich die Märkte bisher immer wieder erholt.

Bleiben Sie auf dem Laufenden

Abonnieren Sie unsere kostenfreien Newsletter

Facebook Twitter LinkedIn

Über den Autor

Antje Schiffler  ist Redakteurin bei Morningstar in Frankfurt.