Mahnt der Kanonendonner an den Märkten zum Kaufen oder Stillhalten?

Im Vorfeld der Morningstar Awards 2018 haben zwei prominente Fondsmanager auf einer Podiumsdiskussion die Frage diskutiert, ob die aktuelle Korrektur eine Kaufgelegenheit sei – oder ob Anleger im sich heutigen Kapitalmarktregime Vorsicht walten lassen sollten.    

Ali Masarwah 05.03.2018

Natürlich gehört auch eine Portion Koketterie dazu, wenn Fondsmanager Georg von Wallwitz auf die Frage, wie er seinen Arbeitstag beginne, mit „im Home-Office in der Münchener Staatsbibliothek“ antwortet. Dort starte er „denkend und schreibend“ in den Tag. Und wenn der für sein Marktgespür bekannte Value-Spezialist Frank Fischer auf dieselbe Frage mit „Yoga“ und „Entschleunigen“ antwortet, so darf auch hier getrost ein Beitrag zur persönlichen Legendenbildung vermutet werden. Dennoch enthalten derartigen Aussagen mit Sicherheit nicht nur das eine oder andere Körnchen Wahrheit, sondern sie transportieren auch die Essenz dessen, worauf es im Portfoliomanagement ankommt; Reflektion und Abstand zur Hektik der sekündlichen Marktzuckungen. Einerseits. (Sie brauchen etwas Geduld, aber zum "Andererseits" kommen wir auch noch, versprochen!) 

Es zeichnet gute Gesprächsrunden aus, dass sie nicht nur informieren, sondern auch unterhalten. Und wenn sie dann auch noch Erkenntnisse liefern, die sich nicht auf das beschränken, was man jeden Tag in den Zeitungen und in Blogs liest, ist dies ein Ritterschlag für die Teilnehmer. Aus diesem Grund zählte die Podiumsdiskussion am Rande der Morningstar Deutschland Awards 2018 am vergangenen Donnerstag zu den Besseren ihrer Art. 

Unter der kundigen Leitung von Deutschland CEO Werner Hedrich (Mitte, siehe Foto unten), seinerseits ein passionierter Investor (und mein Vorgänger als hauptberuflicher Morningstar-Marktbeobachter des deutschsprachigen Anlagemarkts), diskutierten der Chef der Münchener Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz (rechts im Bild) und der CEO von Shareholder Value Management (links) über Märkte und Markttrends – und wie sie auf die aktuellen Geschehnisse reagieren. Abzulesen sind die Ergebnisse der Überlegungen Frank Fischers und Georg von Wallwitz' übrigens auf morningstar.de anhand der Fondsportraits der Flaggschifffonds der beiden Manager, Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen bzw. Phaidros Funds Balanced. Dort findem Sie nicht nur das Rendite-Risiko-Profil der Fonds, sondern auch die Schwerpunktsetzungen der Portfoliomanager. 

Foto: Diskussion am Rande der Morningstar Awards 

Frank Fischer (Shareholder Value Management), Werner Hedrich (Morningstar) und Georg von Wallwitz (Eyb & Wallwitz) im Gespräch. Foto: Piotr Banczerowski

Im Mittelpunkt der Diskussion standen die Rahmenbedingungen am Kapitalmarkt, der sich seit Februar von seiner volatilen Seite zeigt. Aktien haben seit Anfang des vergangenen Monats weltweit zumeist mittlere einstellige Verluste eingefahren. Was passiert, wenn die zehnjährigen US-Staatsanleihen, die Urheber des Unbills an den Aktienmärkten, auf ein Niveau von vier oder sogar 4,5 Prozent steigen? „Bei 4,5 Prozent kann man gut kaufen“, hob von Wallwitz hervor. Er beschränkte sich dabei jedoch nicht auf Treasuries, sondern generell auf Wertpapiere, denn bei einem derartigen Renditeanstieg sei „ohnehin alles günstiger“. 

Doch der Mathematiker und praktizierende Philosoph und Buchautor hob zugleich hervor, dass es in erster Linie auf die Geschwindigkeit des Renditeanstiegs ankomme. „Bisher haben alle über die Zentralbanken geschimpft, weil die Zinsen niedrig sind, jetzt, wo sich andeutet, dass der Zins wieder da ist, dann ist das eine gute Entwicklung“, hob von Wallwitz hervor, der in steigenden Zinsen eine Rückkehr zu gesunden Verhältnissen sieht. "Im Übrigen", so Wallwitz weiter, "wird kein Unternehmer davon absehen, eine geplante Fabrik hochzuziehen, wenn die Zinsen von 1,5 auf zwei Prozent steigen.“

Ähnlich die Argumentation von Frank Fischer, der, was Wunder für einen Value-Anleger, hervorhob, dass „wir Kaufkurse sehen, wenn die Märkte fallen“. Spiegelbildlich würden diejenigen Investoren, die „über dem Fair Value“, also kurz vor dem Höhepunkt der Kurse im Januar, gekauft hätten, heute „bestraft“.

Einkaufslisten werden noch nicht abgearbeitert

Andererseits werden nun diejenigen enttäuscht sein, die erwarten, dass beide Fondsmanager in diesen Tagen die Items auf ihren Einkaufslisten abhaken. Denn Kaufpreise sehen beide aktuell nicht. Dafür seien zu viele Fehlallokationen auf der Aktienseite passiert, und die müssten erst abgearbeitet werden. Der Grund: Das Niedrigzinsumfeld habe dazu geführt, dass Dividenden als „der neue Zins“ stilisiert wurden - ein Irrweg. Laut Frank Fischer müssten sich Anleger bewusst sein, dass die Beteiligung an Unternehmen mit Kursschwankungen verbunden sei. Das sei in der Zeit des billigen Geldes und im Zuge des „Irrsinns der Aktienrückkäufe“ in Vergessenheit geraten. 

In dieselbe Kerbe schlug Georg von Wallwitz. „Viele haben gekauft, weil es hieß, die Dividende sei der neue Zins. Das ist mit Ansage nach hinten losgegangen“. Dass viele Anleger nicht entsprechend ihrer Risikotoleranz investiert gewesen seien, würde man an der Sektorrotation des vergangenen Monats erkennen. „Zinsersatzpapiere wie Nestlé, Johnson&Johnson sind gefallen wie die Steine. Viele stellen jetzt fest, dass Umsätze und Gewinne nicht mit dem Kursanstieg standgehalten haben und sehen, dass es sich einfach um teure Aktien handelt, jetzt, wo es wieder eine Zinsalternative gibt.“ Bei Procter & Gamble würden beispielsweise immer mehr Investoren zur Kenntnis nehmen, dass die Abwehr von Amazon viel Geld koste, die in die Digitalisierung fließe. „Handelt es sich noch um das stabile Geschäftsmodell von früher?“, gab Fischer zu bedenken.

Beide Fondsmanager schlussfolgerten, dass, wenn nunmehr nach einhelliger Erkenntnis die extrem kommode Liquiditätssituation zu Ende gehe und die Volatilität zurückkomme, die in den vergangenen Jahren erfolgreiche Strategie „buy the dip“ wehtun werde, zumindest denjenigen, "die den Regimewechsel nicht verstanden haben", wie Fischer hervorhob. 

Doch was bedeutet das für die Portfolios der beiden Fondsmanager? Wer morgens in der Münchener Staatsbibliothek reflektiert oder sich auf Yoga-Übungen konzentriert, der zeichnet sich womöglich nicht durch Aktivität aus? Schauen die beiden Fondsmanager gar mit stoischer Ruhe dem Treiben an den Märkten zu?

Sind die Fondsmanager von Kopf bis Fuß auf Konsolidierung eingestellt? 

Diesem Eindruck wirkten beide naturgemäß entgegen. Sie haben die Aktienquoten in den Fonds inzwischen gesenkt. Beim Frankfurter Aktienfonds für Stiftungen habe er sie auf „unter 60 Prozent“ reduziert, so Frank Fischer. Auch Georg von Wallwitz, der zwar hervorhob, dass man „das Gezappel an der Börse“ aushalten müsse, hält im Phaidros Balanced derzeit eine Aktienquote von „eher 50 und nicht 70 Prozent, wo wir maximal sein könnten“. Das sei freilich weniger auf den Kurzfristausblick zurückzuführen, sondern dem längeren Horizont geschuldet, und hier stehe die Überlegung im Vordergrund, angesichts der hohen Bewertungen von Aktien eher vorsichtig zu sein, auch wenn man „nicht ganz draußen bleiben kann“. 

Im Ergebnis sind beide Fondsmanager zwar nicht auf Crash getrimmt, aber derzeit noch zurückhaltend. Bei von Wallwitz stehen nach wie vor Technologieunternehmen hoch im Kurs, etwa Alibaba, Apple, Google oder Facebook. Dort seien die Gewinne mit den Kursanstiegen mitgelaufen, und nunmehr seien in der Korrektur die „Multiples zurückgekommen". „Wenn die Sicherheitsmarge größer wird, dann kaufen wir“, hob auch Fischer hervor. Doch aktuell, in der heutigen volatilen Marktlage, halten beide Anleger noch ihr Pulver trocken. Offenbar folgt man der alten Weisheit: Don’t fight the Fed. Ohne Zentralbank-Puts werde es rauher an den Märkten.

Doch ob die Februar-Korrektur nur ein kleiner Nasenstüber war, oder ob sie den Anfang eines Regimewechsels signalisierte, ist offen. Die Zeit wird zeigen, ob die Fondsmanager recht haben mit der These, dass es heute, erstmals seit 2009, anders sei als in den vergangenen neun Jahren.  

 

 

 

Über den Autor

Ali Masarwah

Ali Masarwah  Ali Masarwah ist als Chefredakteur für die deutschsprachigen Seiten von Morningstar verantwortlich.