Schwimmen nur tote Fische mit dem Strom?

Trendfolger mussten in den letzten Jahren viel Kritik einstecken. War das gerechtfertigt? Sind sie wirklich so schlecht, wie man ihnen nachsagt? Ein einfaches Beispiel gibt Aufschluss über die Möglichkeiten und Grenzen von Trendfolgern.

Gordon Rose 14.12.2012

In unserem Artikel „Warum umständlich, wenn es auch einfach geht?“ haben wir eine Studie diskutiert, die zu dem Schluss gekommen ist, dass Trendfolge nicht unbedingt auf hochkomplexe quantitativen Modellen basieren muss. Um Privatinvestoren Trendfolge nahezu bringen, analysieren wir im Folgenden ein Trendfolgemodell, das jeder Investor nicht nur verstehen, sondern auch kostengünstig nachbauen kann. Und das Beste: Wir generieren dabei langfristig Alpha. 

Trendfolgemodell – unsere Prämissen

Ausgang unserer Analyse ist der DAX. An dieser Stelle sei jedoch erwähnt, dass Trendfolge in anderen Märkten erfolgreich sein kann. Faber verbesserte zum Beispiel in seiner Untersuchung bei vier Anlageklassen das Risiko-Rendite-Profil mit Hilfe eines einfachen Modells.

Um einen möglichst langen Anlagezeitraum zu untersuchen und gleichzeitig praxisnahe Ergebnisse zu erzielen, haben wir die DAX-Rendite um die Kosten bereinigt. Für die Handelskosten veranschlagen wir 20 Basispunkte und für den Tracking-Unterschied 23 Basispunkte pro Jahr. Letzteres ist der durchschnittliche Tracking-Unterschied von sechs DAX-ETFs zwischen September 2010 und September 2012. Als durchschnittliche risikofreie Rendite nehmen wir 4%pro Jahr an. Abschließend vergleichen wir unsere Ergebnisse mit einer reinen Buy-and-Hold-Strategie in den DAX. Auch hier berücksichtigen wir 23 Basispunkte Tracking-Unterschied, um ein ETF-Investment zu simulieren; Handelskosten fallen naturgemäß nicht an.

Unser Trendfolgemodell basiert auf dem aktuellen DAX-Stand und zusätzlich einen über 10-Monate gleitenden DAX-Durchschnittspreis seit September 1970. Ausschlaggebend für unser Modell ist der Monatsschlusskurs, sprich, der Indexstand während des Monats ist bei unserer Strategie irrelevant. Dies hat zwei entscheidende Vorteile. Erstens reduzieren wir die Handelskosten. Zweitens verringern wir dadurch das Risiko, auf kurzfristige Kursschwankungen bzw. Fehlsignale zu reagieren. Insbesondere während der Kreditkrise haben Aktienmärkte oft kurzfristig auf Äußerungen von Politikern reagiert, mussten sich aber nur kurze Zeit später wieder korrigieren.

Solange der DAX über dem Durchschnittspreis notiert, sind wir voll im Index investiert. Befindet sich der Monatsschlusskurs jedoch mindestens 1% unter dem Durchschnitt, investieren wir zu 100 % in Cash, bis der Index wieder mindestens 1% über seinem Durchschnitt am Monatsende schließt. Klingt einfach, ist es auch.
Die 1%-Spanne um den Durchschnitt reduziert die Fehlerquote, da der gleitende Durchschnitt bei der Chart-Analyse als Widerstand bzw. Unterstützung gesehen wird und Aktienkurse oft von dieser Trendlinie „abprallen“. Das 1 % dient daher als Risikopuffer, um sicherzustellen, dass der Trend nachhaltiger ist. Ein grundsätzliches Risiko für Fehlsignale besteht jedoch weiterhin. Langfristig wirken sich unsere Fehlsignale jedoch nicht sehr negativ aus.

Das Trendfolgemodell – unsere Ergebnisse:

Nachstehende Grafik verdeutlicht, dass das Trendfolgemodell speziell seit der Technologieblase erheblichen Mehrwert schaffen konnte. Trendfolger sind quasi „long volatility“; sprich, Investoren profitieren insbesondere in zyklischen Märkten, wie wir sie seit der Jahrhundertwende kennen.



Der Mehrwert stammt jedoch nicht von einer Outperformance in steigenden Märkten. Vielmehr reduziert das Trendfolgemodell Kursverluste in Bärenmärkten. Dies wird insbesondere in nachstehender Grafik deutlich, welche die rollende 3-Jahres-Performance unseres Trendfolgemodells mit der Buy-and-Hold-Strategie vergleicht.



In Bullenmärkten erzielt der DAX eine bessere Rendite als unser Trendfolgemodell. Dies liegt daran, dass unser Modell mit Verzögerung an steigenden Märkten teilnimmt, da wir erst in den Markt investieren, wenn er am Monatsende mindestens 1% über dem gleitenden Durchschnittspreis schließt. Gleichzeitig vermeidet unser Modell jedoch starke Kurseinbrüche, wie im Zuge der Technologieblase oder der Finanzkrise.

Je nach Marktphase variiert die 3-Jahreskorrelation jedoch zwischen 0,11 und 1,00, wobei die niedrige Korrelation in Zeiten fallender Märkte und die perfekte Korrelation in Bullenmärkten zu finden ist. Unser einfaches Trendfolgemodell ist daher für jeden Privatinvestor ein einfaches Tool, um das Investmentrisiko langfristig zu kontrollieren bzw. zu reduzieren.

Insgesamt verbessert unser Modell die risikoadjustierte Rendite, obwohl wir nur ca. 65 % der Zeit im Markt investiert waren. Gleichzeitig underperformt unser Modell den DAX über fast ein Viertel der Zeit. Ein Grund für das verbesserte Risiko-Rendite-Profil ist die geringere Volatilität, die mit 14,7 % unter den 20,5 % des DAX liegt.

Ein Blick auf die 1-Jahres-, 3-Jahres- und 5-Jahres-Rollrenditen zeigt, dass das Trendfolgemodell und der DAX im 1- und 3-Jahres-Zeitraum eine identische maximale Rendite erzielen konnten. Gleichzeitig unterscheiden sich die minimalen Renditen jedoch stark, hier liegt unser Modell vorne.



Investoren sollten die Zielsetzung und den Anlagezeitraum für Trendfolgemodelle jedoch genau verstehen, um böse Überraschungen zu vermeiden. Zum einen zielt unser Modell nicht auf die Outperformance in Bullenmärkten ab, sondern vielmehr auf die langfristige Risikominimierung, indem starke Kurskorrekturen vermieden werden. Alle G-7-Staaten hatten mindestens einen Zeitraum, in dem ihr Aktienmarkt um 75% eingebrochen ist. Das wiederum bedeutet, dass die Märkte um 300% ansteigen mussten, um den „break-even“ zu erreichen; dies entspricht einer jährlichen Rendite von 10% über 15 Jahre.

Und die Steuern?

Deutschland ist bekannt für sein komplexes Steuersystem; Grund genug, nicht tief in die Materie einzusteigen. Die steuerliche Situation unterscheidet sich nämlich von Anleger zu Anleger. Zudem dürfen im Zuge der neuen Abgeltungssteuer Kursgewinne mit Verlusten innerhalb eines Steuerjahres verrechnet werden. Davor waren die Haltedauer und der persönliche Steuersatz maßgebend.
Dennoch möchten wir ein paar Zahlen hervorheben, die lediglich als Denkanstoß dienen sollen, jedoch nicht als Steuerberatung.

Unser Trendfolgemodell generierte in den 43 Jahren insgesamt 49 Handelssignale; im Schnitt also 1,1 Signale pro Jahr. Die jährliche Rendite beträgt 6,8 %, bei unserem reinen DAX-Investment sind es 4,1 %. Unter der Annahme, dass wir jedes Jahr einmalig eine Abgeltungssteuer von 25 % zahlen, reduziert sich unsere Rendite auf 5,1 %, aber sie ist damit immer noch besser als eine reine Buy-and-Hold-Strategie. Hierbei werden der Einfachheit halber Zinseszinseffekte und Halteperioden vor der Einführung der Abgeltungssteuer ignoriert.
Ist alles Gold, was glänzt?

Wie bereits oben angesprochen, profitieren Trendfolgemodelle insbesondere über vollständige Marktzyklen hinweg. Es stellen sich also zwei Fragen. Erstens: Setzt sich der Trend des vergangen Jahrzehnts fort? Zweitens: Wie verhält sich unser Trendfolgemodell in Zeiten geringer Volatilität, wie z.B. in den 70er und 80er Jahren?

Angesichts der Globalisierung und der immer besseren Vernetzung der einzelnen Handelsplätze und Märkte ist eher davon auszugehen, dass wir die Entwicklung des letzten Jahrzehnts auch in Zukunft sehen werden.
Der zweiten Frage werden wir im nächsten Artikel nachgehen. Zusätzlich werden wir uns anschauen, ob Trendfolge auch über mehrere Anlageklassen hinweg im Portfoliokontext erfolgreich ist.

 

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Über den Autor

Gordon Rose  ist ETF-Analyst bei Morningstar.