Quantfonds im Stresstest

Von Computermodellen gesteuerte Fonds lieferten in jüngster Zeit Gesprächsstoff. Quants durchforsten mit Hilfe von Aktienmultiples (Kurs-Gewinn-Verhältnis etc.) riesige Datenmengen und treffen anhand von Datenkränzen (Beziehungen zwischen Kennzahlen) Kauf- und Verkaufentscheidungen.

Werner Hedrich 19.10.2007
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Schneiden diese vermeintlich emotionslosen Ansätze langfristig besser als der Markt ab und wie verhalten sie sich, wenn es zu starken Schwankungen an den Finanzmärkten kommt?

Wir haben uns vier quantitativ verwaltete Fonds angeschaut, die ihren Schwerpunkt auf europäischen Blue Chips legen. Damit sind die Fonds untereinander vergleichbar und können mit dem MSCI Europe und dem Morningstar Kategoriedurchschnitt ‚Europäische Aktien Value’ analysiert werden. Die Fonds weisen klare Value-Merkmale auf, d. h. die Portfolios zeigen relativ niedrige Kurs-Gewinn- oder Kurs-Buchwert-Verhältnisse. Tendenziell gleichgewichtete Aktienpositionen zeichnen die Fonds zudem aus.

First Private Europa Aktien Ulm

Seit Anfang des Jahres laufen Wachstumsaktien besser als Substanzwerte. Das hat den meisten Quants nicht geholfen, denn sie suchen nach günstigen Aktien. Einen bekannten Fonds hat es recht heftig erwischt. Der First Private Europa Aktien Ulm hatte Ende Juni 2007 ein Gewicht an Banken und Versicherungsaktien von 50%. Diese deutliche Abweichung zur Benchmark und damit zum Aktienmarkt hat während der Liquiditäts- und Bankenkrise geschadet. Die Sektoraufteilung ist Ergebnis der Titelselektion. Auch heute hält der Fonds 42% Finanztitel, allerdings ein stärkeres Gewicht an Versicherungsaktien. (Leser finden die in dieser Analyse besprochenen Fonds als Link auf der rechten Seite.)

Finanzwerte bleiben aus bewertungstechnischen Gründen die stärkste Branche im Fonds. Laut Bewertungsmodell sind die niedrigen Bewertungen von Banken stimmungsbedingt und damit temporär. Der Ansatz von First Private wird nicht geändert, nur weil Märkte Banken nicht spielen.

Für Anleger zu beachten gilt, dass dieser Ansatz sich ganz bewusst von der Benchmark löst. Quants maßen sich allgemein nicht an, Geschäftsmodelle einzuschätzen. Die Frage, ob die Schätzungen für Deutsche Bank oder UBS zu hoch sind, spielen nur insofern eine Rolle, als Analysten ihre Erwartungen revidieren oder das Gewinnmomentum abnimmt. Heute, Mitte Oktober 2007, sagt das quantitative Modell von First Private, dass Banken günstig bewertet sind. Was zählt, sind Buchwerte oder Cash Flows und nicht die emotionalen Schwankungen der Marktakteure.

4Q-European Value Fonds Universal Fonds

Auf der Gegenseite steht ein quantitativer Ansatz, der Finanzaktien nur stark eingeschränkt beachtet (Ende Juni: 7%) und zudem in der Vergangenheit mit der Cashquote operiert hat. Das hat geholfen, der 4Q-European Value Universal Fonds verlor im Juli/ August 2007 unterdurchschnittlich. Die Kassequote und das Aussparen von Bankaktien erschweren allerdings eine Aussage darüber, ob die Einzeltitelselektion anderen Ansätzen überlegen ist. Für Anleger gilt: Wer bullish auf Finanzaktien ist, sollte den Fonds nicht haben. Diese Aussage hat Gültigkeit für alle Fonds von TFG, einem unabhängigen Quant-Haus, das den quantitativen Ansatz durch ein stärkeres qualitatives Overlay als die anderen Quant Manager ergänzt.

Lingohr-Europa-Systematic

Beim Lingohr-Europa-Systematic werden zuerst die Länder gewichtet und dann mit den quantitativ ermittelten Aktien befüllt. Der Fonds fährt damit per Definition ein systematisches Untergewicht in britischen Aktien von 10%, die rund ein Drittel aller europäischen Aktien nach Marktkapitalisierung ausmachen. Britische Aktien haben sich schwächer als Titel der Eurozone entwickelt, was der relativen Performance geholfen hat. Der Anteil an Banken und Versicherungen im Fonds ist neutral, wobei dieses Ergebnis zufällig ist. Auffällig ist die Gewichtung von Bergbaukonzernen und zyklischen Branchen, die rund ein Drittel des Fonds ausmachen. Der quantitative Ansatz Lingohrs bezieht das Preismomentum stärker ein als der von First Private. Die Nachricht an Anleger ist, dass auch hier erheblich vom breiten europäischen Aktienmarkt abgewichen wird, was Chancen, aber auch Risiken bedeutet.

State Street Actions Europe

Der State Street Actions Europe hingegen orientiert sich als quantitativer Fonds recht nahe an den Sektorgewichten der europäischen Aktienmärkte. Der von State Street verfolgte Ansatz wird enhanced indexing genannt, was man mit ‚verbesserter Indexkonstruktion’ nur unzureichend übersetzt werden kann. Ziel ist es, risikoadjustiert verbesserte indexnahe Renditen zu generieren. Das ist dem Ansatz in der Vergangenheit recht gut gelungen. Der Fonds hat eine Verwaltungsvergütung von unterdurchschnittlichen 1%.



Fazit

Die These, dass Quant-Fonds ein günstigeres Risiko-Rendite-Profil als der breite Aktienmarkt haben, lässt sich an den vier Fonds nicht bestätigen. Es ist auch schwer festzustellen, ob die Einzeltitelauswahl gegenüber konventionellen Ansätzen überlegen ist. Die Asset Allokation bzw. Portfoliokonstruktion spielt in den genannten Fällen eine zu dominante Rolle.

Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen dienen ausschließlich zu Bildungs- und Informationszwecken. Sie sind weder als Aufforderung noch als Anreiz zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers oder Finanzinstruments zu verstehen. Die in diesem Artikel enthaltenen Informationen sollten nicht als alleinige Quelle für Anlageentscheidungen verwendet werden.

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Im Artikel erwähnte Wertpapiere

BezeichnungKursVeränderung (%)Morningstar Rating
First Private Europa Aktien ULM A107,25 EUR0,79Rating
LINGOHR-EUROPA-SYSTEMATIC-INVEST74,91 EUR0,53Rating
TBF EUROPEAN OPPORTUNITIES EUR R54,61 EUR0,42Rating

Über den Autor

Werner Hedrich  

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